Einführung

Jenseits des Ozeans winken vergangene Stimmen
Verheißend mit Rikschas, Bindis und Saris
  Ein Teil meiner Seele, tief drinnen, unbekannt.
  Ich möchte mehr wissen,Möchte randvoll sein, überfließen (…).
  Worte wie chapati und Om
  Warten darauf, gefunden und eingefordert zu werden.

(Zitat aus: „Vergangene Stimmen“, Gedicht, 1998. Autorin: Tara Ramchandani).

 

Bewusst oder/und unbewusst sind westlich-liberale Bildungsinstitutionen Orte epistemischer Disziplinierung, Kanonisierung und ethnozentrischer Wissensausgrenzung. Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung(en) werden in diesen Bildungssettings oftmals auf ihren Betroffenheitsstatus als Geflüchtete, MigrantInnen oder Flüchtende reduziert oder auf stets zu Dank verpflichtete „Schutzbefohlene“, wenn sie zur Randgruppe der „Anderen“ gemacht werden, die „unseres“ (sonder-)pädagogischen „Zuspruchs“ bedürfen und so in die Passivität bloßer WissensempfängerInnen gedrängt werden. Der/die so zur/m „Fremden“ Gemachte kann nicht sprechen, wenn er/sie lediglich Repräsentierte(r) ist und als dieser/e „Andere“ keinen Stimme mehr hat. Betrachtet man die Repräsentationen von MigrantInnen im politischen, medialen und wissenschaftlichen Diskurs, so scheint sich zunächst deren Ausschluss immer aufs Neue zu bestätigen: Ob als „Kopftuch tragende Frau“ oder als SelbstmordattentäterInnen, MigrantInnen, besonders islamischer Herkunft, werden als „ExotInnen“, „Unterdrückte“ oder „FundamentalistInnen“ stereotypisiert. Als „Fremde“ verbleiben sie im Migrationsdiskurs stumm. Daher melden sich immer mehr MigrantInnen selbst zu Wort und diskutieren ihre Erfahrungen bzw. treten als WissensträgerInnen und WissensvermittlerInnen in Erscheinung. Good Practice bietet etwa The Silent University, die 2012 vom kurdischen Künstler Ahmet Öğüt initiiert wurde: Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung(en) kommen dank Empowerment in die Rolle von Lehrenden und bilden gemeinsam eine autonome Plattform zum Wissensaustausch besonders von und für Menschen mit Flüchtlingsstatus und auf Asylsuche sowie für alle Interessierten. Ihre Idee ist, das Verhältnis von Hilfeempfänger und Hilfegeber umzukehren: Flüchtlinge und MigrantInnen selbst organisieren ihren Think Tank – mit Asylwerbenden und „irregulären Migranten“ als „Dozenten“ und „etablierten Migranten“ als BeraterInnen.

Im Zentrum steht daher die Ausgangsfrage: Was verbirgt sich hinter der vermuteten Sprachlosigkeit von MigrantInnen? Durch „das zur Sprache Gebrachte“ erweist sich das „Fremde“ nur mehr vordergründig als das Außerordentliche, als das, was in einer bildungsinstitutionellen Ordnung nicht sagbar, nicht erfahrbar oder nicht denkbar ist oder darin keinen Platz hat. Gerade das „schwer Sagbare“ von Flucht- und Migrationserfahrenen macht deutlich, dass an Bildungsinstitutionen Denk- und Sehweisen benötigt werden, die auf diese Besonderheiten, Individualitäten, Absonderlichkeiten, Diskontinuitäten, Kontraste und Singularitäten einzugehen imstande sind. Zu „hören“ sind dann im Rahmen einer Migrationspädagogik auch all die Eigenverortungen und Selbstzuschreibungen von Flucht- und Migrationserfahrenen.

Manfred Oberlechner